Komponist Frank Wildhorn hat großen Anteil am Erfolg der Showslot-Inszenierung vom Musical “Dracula”, welches auch 2027 auf Tour gehen wird. Im Interview sprach er jetzt über das Musical, die Roman-Vorlage und was ihn dabei stark beeinflusste!
Herr Wildhorn, wie kam es dazu, dass Sie „Dracula“ als Thema für ein Musical gewählt haben? Was fasziniert Sie persönlich an dieser Figur?
Ich liebe die Welt der Gothic- und viktorianischen Literatur – dieses Zusammenspiel aus Dunkelheit, Leidenschaft und großer Dramatik. Autoren wie Mary Shelley oder Lewis Carroll haben faszinierende Welten voller außergewöhnlicher Figuren und existenzieller Konflikte erschaffen, in denen immer alles auf dem Spiel steht. Genau diese Intensität inspiriert auch meine Musik. Nach dem Erfolg von „Jekyll & Hyde“ war ich auf der Suche nach einem weiteren Stoff aus diesem Genre, weil ich das Gefühl hatte, musikalisch noch viel darin erzählen zu können. „Dracula“ vereint für mich alles, was großes Musiktheater ausmacht: überlebensgroße Charaktere, starke Emotionen, Gefahr, Sinnlichkeit und Romantik. Besonders fasziniert mich dabei auch das sogenannte „Grand Guignol“ – die Kunst, das Publikum gleichzeitig zu erschrecken und emotional mitzureißen.
Warum sind diese Stoffe Ihrer Meinung nach bis heute so zeitlos?
Weil sie universelle Themen behandeln: Liebe, Sehnsucht, Angst, Macht, Verlust. Diese Geschichten funktionieren heute genauso wie vor hundert Jahren – und sie werden auch in Zukunft relevant bleiben. Die viktorianische Ära war unglaublich kreativ. Dort entstanden Figuren wie Sherlock Holmes, Peter Pan oder die Welten von Jules Verne. Für das Musiktheater ist diese Epoche eine wahre Schatzkammer.
Wie sieht Ihr kreativer Prozess aus, wenn Sie eine Geschichte wie „Dracula“ musikalisch erzählen?
Am Anfang steht immer die Frage: Wer sind diese Figuren wirklich? Ich versuche, jedem Charakter eine eigene musikalische Sprache und Perspektive zu geben. Ein Teil meines Prozesses ist vielleicht etwas ungewöhnlich: Ich schaue mir alte Verfilmungen an – etwa Nosferatu oder verschiedene Dracula-Filme –, schalte den Ton aus und beginne, neue Musik dazu zu schreiben, fast wie für einen Stummfilm. Dabei entstehen oft Melodien, die später ihren Weg ins Musical finden.
Welche Dracula-Adaption hat Sie besonders inspiriert?
Wahrscheinlich die Verfilmung von Francis Ford Coppola mit Gary Oldman, Winona Ryder und Anthony Hopkins. Dieser Film besitzt eine unglaubliche Atmosphäre – visuell opulent, emotional exzessiv und gleichzeitig sehr romantisch. Besonders die Kostüme und das Set-Design haben mich stark beeinflusst. Wenn ich diesen Film ohne Ton sehe, bekomme ich sofort Lust zu komponieren.
In der aktuellen Produktion gibt es einen Song, der bislang noch nie in Europa zu hören war. Was steckt dahinter?
Ich glaube fest daran, dass Musik – genau wie Liebe – keine Grenzen kennt. In Seoul lief eine sehr erfolgreiche Version von „Dracula“, und der Hauptdarsteller, K-Pop-Star Kim Jun-su, wollte Dracula als deutlich jüngeren Mann interpretieren. Dafür bat er mich um einen Song, in dem Dracula Mina seine Geschichte erzählt. So entstand „She“. Als unser Regisseur Alex Balga den Song hörte, war er sofort begeistert und integrierte ihn in die aktuelle Produktion.
Das Musical feierte 2001 Premiere am Broadway. Wie hat sich die Show seitdem entwickelt?
Die Show hat seit ihrer Broadway-Premiere ein wunderbares Eigenleben entwickelt – ähnlich wie „Jekyll & Hyde“. Sie wurde weltweit in unterschiedlichsten Sprachen inszeniert und immer wieder neu interpretiert. Gleichzeitig versuche ich bei jeder Produktion, etwas über das jeweilige Publikum zu lernen. Dabei vertraue ich sehr auf meine Produzenten und den Regisseur, die genau wissen, wie man die Show für das deutschsprachige Publikum emotional greifbar macht.
Was macht die aktuelle Berliner Produktion für Sie besonders?
Es beginnt schon mit dem Theater selbst. Das BlueMax Theater ist ein intimer Raum ohne schlechte Plätze – das Publikum ist mitten im Geschehen und wird direkt in diese Welt hineingezogen. Dazu kommt Alex Balgas Regiearbeit mit ihren fließenden Übergängen und starken Bildern. Und natürlich haben wir ein fantastisches Ensemble, das die Musik mit großer Leidenschaft und emotionaler Tiefe interpretiert.
Sie haben auch Songs für Weltstars wie Whitney Houston geschrieben. Wo liegt für Sie der Unterschied zwischen Popmusik und Musical-Musik?
Es sind unterschiedliche kreative Prozesse, aber im Kern geht es immer um starke Melodien und Emotionen. Beim Schreiben für Popkünstler versucht man vor allem, die Persönlichkeit und die Stärken des jeweiligen Artists hervorzuheben. Im Musical hat Musik jedoch eine zusätzliche Aufgabe: Sie muss Geschichten erzählen, Atmosphäre schaffen und die inneren Konflikte der Figuren hörbar machen.
Was wünschen Sie sich, dass das Publikum nach der Vorstellung mit nach Hause nimmt?
Ich hoffe, dass die Menschen für ein paar Stunden ihren Alltag vergessen können. Ich möchte ihnen Erinnerungen schenken – eine große Geschichte, starke Emotionen und Musik, in die sie sich verlieben können. Wenn wir das Publikum wirklich in unsere Welt entführen konnten, dann haben wir alles erreicht.
Was ist beängstigender – ein leeres Blatt Papier oder eine Premiere?
Ganz ehrlich? Keines von beidem. Wenn eine Premiere stattfindet, weiß man bereits, was man geschaffen hat. Natürlich ist man aufgeregt, aber Musik zu schreiben bedeutet für mich pure Freude. Es ist ein kreativer Kampf – aber ein wunderschöner.