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“Wir sind am Leben” ist eine berauschende, überwältigende und zutiefst bewegende Zeitreise in die 90er!

Ausführliche Review!

© Kevin Drewes / Musicalpuls.com

„Wir sind am Leben“ feierte heute (21.03.26) seine große Weltpremiere im Theater des Westens – das mittlerweile fünfte Musical von Peter Plate und Ulf Leo Sommer. Doch noch nie war ein Stück so persönlich, solch eine Achterbahnfahrt der Gefühle und so intensiv. Und noch nie bebte das Theater des Westens in Berlin derart… „Wir sind am Leben“ versetzt die Zuschauer zurück in die frühen 90’er – in eine Zeit, in der nach dem Mauerfall längst nicht nur Aufbruchsstimmung, sondern auch Ungewissheit und Angst herrschte – was bringt die Zukunft? Zudem war AIDS zu der Zeit ein großes Thema – etwas, was das Musical ebenfalls schonungslos ehrlich, aber zugleich auch sehr einfühlsam aufgreift. Wir haben das neueste Meisterwerk von Plate und Sommer gesehen und verraten Euch, wie besonders „Wir sind am Leben“ ist!



SO emotional startet „Wir sind am Leben“

Mit „Konsum Hoffnung“ startet „Wir sind am Leben“ direkt mit einer starken Ensemblenummer… und einem Song, der auf den Punkt bringt, was alle Charaktere des Stücks verbindet: Sie haben alle ihre Sorgen und Ängste… und wollen raus aus dem Grau, wollen (ihre Träume) leben… und ihren Weg – und, im Falle von Mario, auch sich selbst – finden. Doch die Ungewissheit und die Sorgen sind groß. Genau dieses Grau gibt das aufwendige Bühnenbild, welches geprägt von abgewrackten Gebäuden ist, auf den Punkt wieder.

SIE stehen im Zentrum der Handlung

Im Zentrum der Handlung steht die WG um Nina (Celina dos Santos) – hier wohnen auch Bruno aka die Dietrich (Jörn-Felix Alt), Nando Perez (Daniel Pohlen), Doris Knittel (Kathi Damerow) und Ramona Holzhammer (Johanna Spantzel). Sie leben in einem Friedrichshainer Haus, das bis vor Kurzem leer stand und in dem sie das Sorgentelefon leiten. Dazu gesellt sich früh in der Handlung Nina’s Bruder Mario, der ebenfalls von seiner Mutter aus Wittenberg floh… und an einem Punkt im Leben ist, an dem er sich selbst noch finden muss. Genau das bringt Markus Spagl sehr authentisch rüber… er spielt die Rolle mit einer Verletzlichkeit, die spürbar ist. Hier kommt Nando eine Schlüsselrolle zu – er soll die erste große Liebe für ihn werden. Nandos Geschichte erfahren die Zuschauer im Titel „Pirouetten drehen“ – eine Nummer, die die musikalische Vielfalt dieses Meisterwerks unterstreicht.



Jörn-Felix Alt brilliert als Bruno

Auf der anderen Seite steht Bruno, Freund von Nando und eine Dragqueen, die Marlene Dietrich vergöttert… das zeigt sich eindrucksvoll früh im Stück, als er sie in einem Club imitiert und den Song „Supernovadiscoslut“ performt… und damit sehr früh eine DER Sternstunden des Stücks abliefert! Clubfeeling im Theater des Westens… was für eine Energie, die da auf das Publikum überging! Doch hinter der Dragqueen steckt ein Mensch, der die tragischste Figur des Stücks ist… Bruno hat AIDS. Eine sehr schwere Rolle für Jörn-Felix Alt, der sich jedoch als Idealbesetzung erweist! Seine Aura ist enorm… seine Stimme fesselt. Eine weitere Entdeckung von Plate und Sommer, die voll einschlägt. Tief unter die Haut ging seine Performance vom Titel „Ich werd‘ nicht weinen“… ein Song, in dem er klar macht: Es ist jetzt noch nicht Zeit zu trauern, weint nicht… und lasst uns bis zum letzten Moment leben!

Noch nie hat sich ein Musical getraut, so offen das Thema AIDS anzusprechen

Wir möchten hier noch nicht zu viel über den Verlauf der Handlung und seiner Geschichte spoilern, aber: Das Thema AIDS spielt eine sehr große Rolle in „Wir sind am Leben“… Lukas Nimscheck und Franziska Kuropka, die sich für Buch und Regie verantwortlich zeigen, gelingt es die Angst, die damals umging, sehr intensiv im Musical rüberzubringen. Dabei fällt auch mehrmals das Wort „Schwulenseuche“ – und damit wird den Zuschauern auch direkt vermittelt: Auch Anfang der 90’er war die Akteptanz noch immer sehr dünn. Die queere Szene war damals noch in einem frühen Stadium, blühte noch im Hintergrund auf.

Celina dos Santos legt eine bildgewaltige Performance hin, die die Musicalwelt so noch nicht gesehen hat

Und wo wir gerade bei Aufblühen sind… Celina dos Santos darf in der Rolle der Nina sich vollkommen entfalten! Ihre Rolle der Nina träumt davon, Sängerin zu werden… und gewinnt im Laufe der Handlung immer mehr an Selbstvertrauen. Musikalisch wird genau das durch die zwei verschiedenen Performances vom Titel „Kupferrot“ in dem Stück widergespiegelt. In Hälfte 1 singt sie ihn noch in der träumerischen „Schlaflos in Berlin“-Balladenversion. Doch direkt zum Beginn der zweiten Hälfte, als Nina ihr Musikvideo zum Song dreht, entfaltet sich die Raupe zum Schmetterling und singt die wesentlich schnellere, beatlastige Version des Songs. Hier sind wir auch schon bei einer der atemberaubendsten Inszenierungen, die die Musicalwelt je gesehen hat! Celina dos Santos schwebt an einem Seil von oben auf den Bühnenboden herab, die ganze Bühne ist komplett in rot getaucht… und dann legt sie mit ihrer Wahnsinnsstimme voll los. Dazu die Choreographien des Ensembles, welches hier ganz stark aufspielen darf. Wow! SO einen Auftakt zur zweiten Hälfte haben wir noch nie erlebt… die Zuschauer feierten die Performance frenetisch – das Theater des Westens war im Rausch!



Markus Spagl legt bei „Kalte Schwester“ eine der intensivsten Performances hin

Und das sollte längst nicht der letzte Rausch sein… denn das, was Peter Plate und Ulf Leo Sommer da an Songs für „Wir sind am Leben“ schufen, das ist ganz groß! So folgte früh in Hälfte 2 der Titel „Kalte Schwester“ – ein bewegender Song, der ebenfalls als visuelles Highlight inszeniert wurde… und den Markus Spagl mit einer Intensität performte, die mitriss!

Steffi Irmen erneut ein Publikumsliebling

Und apropos mitreißend: Steffi Irmen darf schon wieder in einem Stück glänzen! Dieses Mal als Rosie, Mutter von Mario und Nina, sitzt mal wieder jeder Satz von ihr… dazu hat sie neben dem melancholischen Song „Salon Rosie“ eine schnellere Nummer im Stück: „Leb wohl, Wittenberg“… einer der Fan-Favoriten, wie sich schon in den Previews herausstellte! Am Ende der Performance gab es sehr langen Applaus und Standing Ovations für die Darstellerin, die in dem eher düsteren Stück auch immer wieder für Lacher sorgt… auch wenn auch ihr Charakter ein Päckchen zu tragen hat. Einfühlsam wird ihr durch das Drehbuch auch eine ungewöhnliche, aber wunderschöne Verbindung zu Bruno geschaffen… ein Duo, das man nach der ersten Begegnung der Figuren so nicht erwartet.

Nik Breidenbach brilliert als Günther

Etwas, was „Wir sind am Leben“ desweiteren auszeichnet ist, dass auch die Nebenfiguren viel Raum erhalten. Hier muss man unbedingt die Charaktere Doris und Günther Westphal nennen, die sich im Musical über das Sorgentelefon kennenlernen… und mit „Zu schön, um hübsch zu sein“ einen – gerade textlich – herausragenden Love-Song erhalten. Dieses geerdete und wunderschöne Duett sangen Nik Breidenbach und Kathi Damerow zudem wirklich großartig! Ihr Zusammenspiel war genial! Allgemein zeigte sich Nik in einer sehr ungewohnten Rolle… Günther ist ein Mann, der aus seinem Korsett ausbrechen möchte, der gern Frauenkleider trägt… und in ihr den perfekten Gegenpart finden soll. Kathi hingegen sorgt mit ihren Sprüchen dazu immer wieder für Lacher – frei nach Berliner Schnauze.



„Wir sind am Leben“ ist ein überwältigendes Feuerwerk an Emotionen und berauschenden Performances

Es ist eben diese Mischung aus einfühlsamen Songs, einer zutiefst emotionalen Geschichte und den berauschenden Disco-Vibes, die „Wir sind am Leben“ zu einer Achterbahnfahrt der Gefühle machen… und natürlich auch die spürbar persönlich Note von Peter Plate und Ulf Leo Sommer. „Wir sind am Leben“ ist nicht autobiographisch, eindeutig fließen aber einige persönlich erlebte Dinge in das Stück hinein – etwas, was sie im Vorfeld auch betonten. Und die 90’er waren eben auch die Zeit, in der Peter mit AnNa R. als Rosenstolz ein Tief erlebte… und auch privat war es für sie damals nicht immer einfach. Ein Rosenstolz-Song, der genau zu der Zeit damals entstand, durfte für Peter und Ulf im Musical „Wir sind am Leben“ nicht fehlen: „Die Schlampen sind müde“. Und genau diesen performte Celina dos Santos in „Wir sind am Leben“… und wie…

In der besagten Szene geht Celina dos Santos ganz nah an den Bühnenrand… der Vorhang hinter ihr geht herunter… sie greift zum Mikrofonständer… und setzt an… zur Performance von „Die Schlampen sind müde“. Gänsehaut im ganzen Saal, als die ersten Silben erklangen. Wie die Darstellerin diesen Rosenstolz-Titel auf ihre ganz eigene Weise sang, ging direkt ins Herz. Das Publikum stimmte mit ein – und bildete mit ihr einen Chor… ganz besondere Momente, die sich hier abspielten!

Publikum zwischen Ekstase und Tränen

Wenig später näherte sich das Stück langsam, aber sicher dem Finale… und lieferte hier nochmal eine absolute Achterbahn der Gefühle! So wurde es nach einem Schlüsselmoment, der die Zuschauer tief berührte, nochmal wild – was im Song „Mein Berlin“ gipfelte… ein weiterer Knaller, der steil nach vorne ging und die Zuschauer von den Sitzen riss!



Nach einem Zeitsprung war dann tatsächlich das Jahr 2000 da… und die Geschichte fand ihren Abschluss – mit dem Rosenstolz-Song, der titelgebend ist: „Wir sind am Leben“ – erneut absolute Gänsehaut! Hier muss man erwähnen, dass Plate und Sommer daraus eine Dancefloor-Version gemacht haben, die sich damit auch soundtechnisch hervorragend einfügt.

Nie war Musical mehr am leben

Nach rund zweieinhalb Stunden, in der gelacht und geweint, mitgefiebert und mitgelitten wurde, gab es im Schlussapplaus nochmal „Supernovadiscoslut“… und der Saal des Theaters des Westens wurde zum Club… Darsteller und Publikum verschmolzen. Keine Frage, nie zuvor war Musical mehr am Leben!

„Wir sind am Leben“ ist voller Gefühl und außergewöhnlich… es ist ein Stück, das ganz klar die Queer-Community anspricht, aber welches ebenso auch für für Musicalfans, für Rosenstolz-Fans als auch für alle die, die ähnliches in den 90’ern erlebten, ein Must-See ist… Das Musical steht für Aufbruchsstimmung der frühen 90’er… aber ist zugleich auch ein Denkmal an die, die Berlin prägten. Und vor allem eine Hommage an die, die nicht mehr unter uns sind. Die, die längst schon schlafen, aber nie vergessen sind. Wir sind uns sicher: SO ein intensives Musical kann nur entstehen, wenn die Verantwortlichen selbst die Zeit mit all den aufregenden, aber auch schmerzlichen Momenten erlebt haben… und wenn alle Beteiligten mit Leidenschaft agieren. Und das tun sowohl Peter Plate, Ulf Leo Sommer, Franziska Kuropka, Lukas Nimschek, die Live-Band und die gesamte Cast, die durch die Bank weg eine irre Leistung abliefert! „Wir sind am Leben“ ist ein überwältigendes Feuerwerk an Emotionen und berauschenden Performances – ein künstlerisches Meisterwerk!

 

TICKETS gibt es direkt hier! Tipp: Jeden Freitag gibt es im Anschluss im Spiegelsaal die “90’er Party” – präsentiert von Marcella Rockefeller!

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Bild von Kevin Drewes

Kevin Drewes

Der bundesweit geschätzte Journalist Kevin Drewes hält Euch mit seinem Fachwissen und der riesigen Expertise täglich über die Geschehnisse in der Musicalwelt auf dem Laufenden.